Mit dem Begriff „Unfallflucht“ wird umgangssprachlich ein Verhalten im Straßenverkehr beschrieben, das der Gesetzgeber als „Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort“ (§ 142 StGB) betitelt hat. Ein Beispiel, welches als Beleg für die These dienen könnte, dass der Volksmund nicht nur pointierter sondern bisweilen auch präziser formuliert als der Gesetzgeber. Zugestanden: Ein Unfall flüchtet nicht. Aber wer nach einem Verkehrsunfall vom Ort des Geschehens „flieht“, handelt im Sinne des Wortes bewusst. „Wissentlich und willentlich“ sagen Juristen und beschreiben damit die Elemente des Vorsatzes.

Bei der sogenannten Verkehrsunfallflucht handelt es sich um ein Vorsatzdelikt. Strafbar im Sinne des § 142 StGB macht sich daher nur jener Unfallbeteiligte, der sich in dem Wissen, dass sich ein Unfall ereignet hat, an dem er beteiligt ist, entfernt, bevor Feststellungen zu seiner Person und seiner Beteiligung getroffen werden konnten. Kurzum: Wer den Unfall nicht bemerkt hat und unbeeinflusst von jeglicher Kenntnis seinen Weg fortsetzt, macht sich nicht strafbar. Entgegen des anders lautenden Sprichwortes schützt Unwissenheit also doch vor Strafe.

Aber wie ist der Fall zu beurteilen, in welchem der paradiesische Zustand der Ahnungslosigkeit jäh beendet wird. Etwa durch einen Zeugen des Geschehens, der dem Unwissenden nacheilt und ihn aufklärt: „Sie haben dahinten gerade … .“

In einem solchen Fall, welcher dem Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf in der Revision vorlag, war der Unfallverursacher etwa fünf bis zehn Minuten weitergefahren und hatte sich in dieser Zeit etwa drei Kilometer vom Unfallort entfernt. Dort wurde er durch eine ihm nachfahrende Zeugin auf den Unfall hingewiesen. Von der neu gewonnenen Kenntnis unbeeindruckt setzte er seine Fahrt fort. Weil er nicht zum Unfallort zurückkehrte, sondern seine Fahrt fortsetzte,wurde er wegen unerlaubten Entfernens vom Unfallort zu einer Geldstrafe und einem einmonatigen Fahrverbot verurteilt. Das OLG Düsseldorf hob das Urteil der Vorinstanz auf und sprach den Angeklagten frei.

Denn indem der Gesetzgeber mit § 142 StGB die „Unfallflucht“ unter Strafe stellt, wird gleichsam ein bestimmtes Verhalten zur Pflicht erhoben. Nämlich am Unfallort zu verweilen, um Auskunft über seine Person und die Art seiner Beteiligung zu ermöglichen. Eine Pflicht zur Rückkehr zum Unfallort ist dem Gesetz nicht zu entnehmen. Hat sich ein Unfallbeteiligter innerorts bereits drei Kilometer vom Unfallort entfernt, und sind seit dem Unfall bereits fünf bis zehn Minuten verstrichen, so ist nach Auffassung des OLG Düsseldorf eine räumliche und zeitliche Nähe zum Unfall nicht mehr gegeben. Das „Sich-entfernen“ ist abgeschlossen. Also macht sich der Unfallbeteiligte weder dadurch strafbar, dass er sich nun noch weiter vom Unfallort entfernt, nachdem er auf den Unfall aufmerksam gemacht wurde, noch dadurch, dass er es unterläßt, zum Unfallort zurückzukehren.