Radfahren, so heißt es, hält Kinder nicht nur körperlich sondern auch geistig fit. Und wie sieht es mit möglichen Nebenfolgen aus; etwa dem Risiko, für Schäden, die beim Radfahren anderen Verkehrsteilnehmern zugefügt werden, haften zu müssen?

Auch insoweit fällt die Bilanz für das Fahrrad günstig aus. Ein Kind, das das siebente Lebensjahr noch nicht vollendet hat, haftet für von ihm verursachte Schäden gar nicht. Für Sieben- bis Zehnjährige gilt ein besonderes Haftungsprivileg. Kinder dieser Altersgruppe haften nicht für Schäden, die bei einem Unfall mit einem Kraftfahrzeug entstanden sind. Mit dieser Regelung hat der Gesetzgeber dem Umstand Rechnung getragen, dass Kinder dieses Alters häufig damit überfordert sind, die vom motorisierten Verkehr ausgehenden Gefahren einzuschätzen und sich darauf angemessen einzustellen. In der Regel sind es Geschwindigkeiten und Entfernungen, die falsch eingeschätzt werden. Vor den Nachteilen dieser entwicklungsbedingten Defizite sollen Kinder nach dem Willen des Gesetzgebers geschützt werden.

Ausgerechnet auf diese gesetzgeberische Intention stützte sich ein Autofahrer aus NRW, als es ihm darum ging, seinen achtjährigen Unfallgegner auf Schadensersatz in Anspruch zu nehmen. Den Streit hatte letztendlich der Bundesgerichtshof (BGH) zu entscheiden. Seinem Urteil vom Oktober 2007 lag folgender Sachverhalt zugrunde:

Ein Junge im Alter von acht Jahren war mit seinem Fahrrad unterwegs. Jedoch nicht fahrenderweise. Er lief auf dem Gehweg einer durch ein Wohngebiet führenden Straße. Sein Fahrrad schob er. Ihm entgegen kam ein Auto. Dessen Fahrer beobachtete noch, wie der Junge das von ihm geschobene Fahrrad los ließ, um es allein vorweg rollen zu lassen. Das gelingt dem Achtjährigen auch. Das Kinderrad rollt führungslos ein Stück geradeaus. Dann schwenkt der Lenker nach rechts und das Fahrrad rollt auf die Fahrbahn. Und zwar gerade in dem Moment, in dem der PKW des späteren Klägers vorbeifährt. Die Kosten für Reparatur und Gutachten will dieser ersetzt haben; von seinem achtjährigen Unfallgegner.

Sein Argument gegen die Anwendung des Haftungsprivilegs: Das Kind war nicht alterbedingt überfordert. Es ist nicht an den besonderen Anforderungen des motorisierten Straßenverkehrs gescheitert. Von einer Fehleinschätzung durch den Jungen könne keine Rede sein. Um sich zu irren, muss man sich wenigstens irgendwelche Gedanken machen. Er habe sich aber gar nicht mit der konkreten Verkehrssituation beschäftigt.

Der BGH hielt dagegen: Gerade das vom Kläger beschriebene Verhalten des Kindes ist Beleg für die typischerweise auftretende Überforderungssituation. Ein Erwachsener hätte sich eben Gedanken gemacht und sein Verhalten auf die dabei von ihm erkannte Gefahr eingestellt. So, so.

Jedenfalls urteilte der BGH, dass eine haftungsrechtliche Verantwortlichkeit des achtjährigen Kindes bei dem zugrunde gelegten Sachverhalt gemäß § 828 II 1 BGB ausgeschlossen ist.

Der Vergleich mit dem Ergebnis eines anderen Rechtsstreites, den der Bundesgerichtshof bereits zwei Jahre zuvor in einem sehr ähnlich gelagerten Fall zu entscheiden hatte, stimmt jedoch nachdenklich. Wäre der Kläger mit seinem PKW nicht gefahren, als es zur Kollision mit dem Kinderfahrrad kam, sondern hätte sich das Kraftfahrzeug parkend am Fahrbahnrand befunden, wäre der Rechtsstreit ganz anders ausgegangen. Dann hätte der BGH, wie bereits im Jahre 2005 geschehen, eine typische Überforderungssituation des Kindes durch die spezifischen Gefahren des motorisierten Verkehrs nicht angenommen. Der Junge wäre zur Zahlung verurteilt worden. Auch wenn er sich in beiden Fällen ganz und gar gleich verhalten hat.